Die historische
Leistung Otto v. Bismarcks bestand darin, die nationalstaatliche Einheit der
Deutschen in einem begrenzten Rahmen, der für das europäische Umfeld
verträglich war, geschaffen zu haben. Deshalb wollte er nur das Erreichte
sichern, nicht aber Zusätzliches erobern. In diesem Sinne beteuerte er im
Februar 1874: „Wir verfolgen keine Macht-, sondern eine Sicherheitspolitik.”
Entsprechend verfolgte die Außenpolitik Otto
von Bismarcks nach dem Sieg über
Frankreich vor allem zwei Ziele: Die Sicherung des europäischen Friedens und
die Vermeidung von Koalitionen gegen Deutschland, die einen „Zweifrontenkrieg“
nach sich ziehen könnten.
Bismarck wußte nur zu genau, die erreichte
Größe des Deutschen Reiches war das Äußerste, was den europäischen Großmächten
zugemutet werden konnte. Deutschland, an militärischer Stärke und
wirtschaftlicher Kraft seinen Nachbarn überlegen, sei „saturiert“, erklärte er
mehrfach nach der Reichsgründung und lehnte jede weitere Ausdehnung ab. Dagegen
war sich Bismarck darüber im Klaren, daß Frankreich den Verlust
Elsaß-Lothringens auf Dauer keinesfalls akzeptieren würde.
Bereits das Jahr 1875 sorgte mit der
„Krieg-in-Sicht-Krise“ für gehörige Aufregung zwischen Paris und Berlin. Als
bekannt wurde, daß die Französische Republik beabsichtigte, eine erhebliche
Erhöhung der Schlagkraft ihres Militärs vorzunehmen, und daraufhin in der
„Post“, die als Sprachrohr Bismarcks galt, der Artikel „Ist Krieg in Sicht?“
erschien, stimmten die Zeitungen mehrerer Länder eine helle Panikmache an. Sofort
boten England wie auch Rußland ihre Vermittlerrolle im Falle einer möglichen
deutschen Gegenmaßnahme an. Doch Bismarck, der die Ämter des deutschen
Reichskanzlers mit denen des Ministerpräsidenten und Außenministers Preußens in
Personalunion führte, gelang es, die Wogen zu glätten. Mit Nachdruck wies er
die Versuche zurück, Deutschland als Friedensstörer hinzustellen; er erklärte,
allein die Presse und deren Hintermänner seien schuld an den außenpolitischen
Verstimmungen. Längerfristig entscheidend war für Bismarck die Erkenntnis, daß
England und Rußland trotz ihrer weitreichenden politischen Gegensätze einen
weiteren französischen Machtverlust zugunsten Deutschlands nicht dulden würden.
In der manchmal undurchsichtigen russischen
Außenpolitik, die Bismarck aus seiner Zeit als preußischer Gesandter in
Petersburg wohl bekannt war, spielten die antipolnisch-monarchistischen Kräfte
und die polonophil-panslawistische Richtung ihre Einflüsse gegeneinander aus.
Zwar hatte gerade das Zarenreich infolge seiner neutralen Haltung Bismarcks
Erfolge ermöglicht, doch konnte Rußland kaum darüber erfreut sein, eine starke
militärische Kraft an seiner Westgrenze entstehen zu sehen. Des Reichskanzlers
Trauma war deshalb das Entstehen feindlicher Koalitionen. Seine Politik war
bestimmt durch seinen Alptraum der (gegen das Reich gerichteten) Bündnisse (le
„cauchemar des coalitions“), die dem Kaiserreich nach seinem Tod ja schließlich
auch tatsächlich zum Verhängnis wurden.
Durch das Dreikaiserabkommen zwischen Wilhelm
I., Franz Joseph I. und Zar Alexander II. gelang es Bismarck am 20. Oktober
1873, das gemeinsame Interesse der drei großen Staaten am Erhalt der
monarchistischen Staatsform zu festigen. Störend auf diese Beziehung wirkte
sich allerdings der russisch-österreichische Gegensatz auf dem unruhigen Balkan
aus. Bismarck konnte hier aber ausgleichen. Er betonte die Interessenlosigkeit
des Deutschen Reiches in Südosteuropa mit dem bekannten Ausspruch, daß der
Balkan „nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert“
sei.
In Bosnien war 1875 ein Aufstand gegen die
osmanische Besatzung ausgebrochen, der bald den gesamten Balkan erfaßte. In
Rußland, das sich als Schutzmacht der im Osmanischen Reich lebenden orthodoxen
Christen betrachtete, drängte die panslawistische Bewegung zum Krieg.
Schon im Jahre 1867 hatte der zweite
Slawistenkongreß in Moskau als Nahziel die Meerengen und die Befreiung der
slawischen Brüder vom Türkenjoch postuliert. Die Russen errangen im Türkenkrieg
große Erfolge, sie verjagten die Osmanen fast vom gesamten Balkan und nötigten
im März 1878 dem Osmanischen Reich einen harten Frieden auf: Serbien,
Montenegro und Rumänien wurden vergrößert und selbständig. Bulgarien, mit
ausgedehntem Territorium neu geschaffen, kam unter russischem Einfluß; es
erhielt einen Zugang zum Ägäischen Meer und öffnete damit dem Zarenreich den
Weg zum Mittelmeer. Dagegen erhoben nun Österreich-Ungarn und Großbritannien
energisch Einspruch.
Um die Dardanellen vor einem russischen
Zugriff zu schützen, schickten die Briten Kriegsschiffe in das Marmarameer. Der
englisch-russische Interessengegensatz war sowieso schon durch die schrittweise
russische Ausdehnung in Zentralasien (Turkestan, Taschkent, Samarkand) äußerst
verschärft worden. Die Spannungen nahmen nun derart zu, daß der europäische
Friede nur noch an einem seidenen Faden zu hängen schien. Ein letztes Mittel,
den brüchigen Frieden zu retten, sah man schließlich in einem durch Bismarcks
Vermittlung zustande gekommenen Kongreß.
Bismarck sträubte sich zunächst, die
Kongreßleitung zu übernehmen. Anders als Napoleon III. wollte er sich
nämlich nicht die Vermittlertätigkeit durch Land- oder Machterwerb versüßen
lassen, um das Bild vom saturierten Reich nicht zu zerstören. Andererseits sah
er die Gefahr, daß sich Wut über das Kongreßergebnis gegen die Kongreßleitung
richten könnte. Wenn Bismarck sich trotzdem bereit erklärte, auf einem Kongreß
als „ehrlicher Makler“ die Leitung zu übernehmen, so tat er es, weil er davon
ausging, daß das Reich aufgrund seiner Mittellage in einen Balkankrieg unter
Einschluß der Großmächte hineingezogen würde und in einem Krieg viel verlieren
aber nichts gewinnen könne. So wurde Berlin Tagungsort eines Kongresses, der
vom 13. Juni bis zum 13. Juli 1878 dauerte.
Wie befürchtet, konnte Bismarck es nicht
allen recht machen, so klug er auch den Kongreß leitete. Insbesondere Zar
Alexander II. hatte größeren Dank für seine Haltung in der Zeit der
Reichsgründung erwartet. Der faktische Leiter der russischen Delegation,
Alexandr Michailowitsch Fürst Gortschakow, sprach sogar von einer
russenfeindlichen Haltung des Kanzlers, weil das Zarenreich nicht alle
eroberten osmanischen Gebiete behalten durfte. Für Bismarck war vor allem die
Sicherheit Deutschlands entscheidend. Im November 1878 schrieb er dem
preußischen Kronprinzen: „Es würde ein Triumph unserer Staatskunst sein, wenn
es uns gelänge, das orientalische Geschwür offenzuhalten, dadurch die Einigkeit
der anderen Großmächte zu vereiteln und unseren eigenen Frieden zu sichern.“
Obwohl Otto von Bismarck die russischen
Wünsche auf dem Berliner Kongreß so weit als möglich berücksichtigt hatte,
konnte er es nicht verhindern, daß im August 1879 Zar Alexander in einem
ungewöhnlichen Privatbrief an Kaiser Wilhelm I., dem sogenannten
„Ohrfeigenbrief“, schwere Vorwürfe gegen Bismarck erhob. Aber eine stärkere
Berücksichtigung russischer Interessen wäre nur auf Kosten Österreichs
gegangen. Bismarck hat sich stets dagegen gewehrt, die Wünsche
Österreich-Ungarns oder die Rußlands einseitig zu unterstützen. Er mußte mit
seinem Herrn und Kaiser einen harten Kampf ausfechten, um dessen Zustimmung zu
einem Zweibund mit Österreich zu erhalten, wobei er nachdrücklich betonte, daß
der am 7. Oktober 1879 unterzeichnete Vertrag das Reich nur zur Abwehr einer
russischen Aggression verpflichte, nicht aber zur Unterstützung eines
österreichischen Angriffs auf Rußland. Der Kanzler wollte sich nicht an das
„Leitseil“ der habsburgischen Regierung binden lassen, die wiederum in erster
Linie ihre multinationale Doppelmonarchie gegen den panslawistischen Ansturm
schützen wollte.
Das Bündnis mit Österreich-Ungarn war für
Bismarck ein Mittel zur Erneuerung des zwischenzeitlich aufgelösten alten
Dreikaiserabkommens. Der Reichskanzler gewann das Vertrauen des neuen
Herrschers aller Reußen, Zar Alexander III. Dieser hatte nach der Ermordung
seines Vaters den russischen Thron bestiegen. Nach langwierigen Verhandlungen
schlossen 1881 Wilhelm I., Franz Joseph I. und Alexander III. den
Dreikaiservertrag. Ihm folgte der Dreibund zwischen Deutschland, Italien und
Österreich-Ungarn. Es bestanden also enge Verbindungen zwischen Berlin, Rom und
Wien einerseits und zwischen Berlin, Petersburg und Wien auf der anderen Seite.
Bismarcks diplomatischem Geschick war ein Netzwerk von Bündnissen mit den
Großmächten Mittel-, Ost- und Südeuropas gelungen.
Gleichzeitig schien aber im Westen die
Kriegsgefahr zu wachsen. In der Dritten Republik hatte General Georges
Boulanger das Kriegsministerium übernommen. Seine nationalistische Haltung
bestärkte die französische Publizistik in ihrem Ruf nach Revanche. Hauptziel
blieb die Wiedergewinnung von Elsaß-Lothringen. „Nie davon reden, immer daran
denken“, war Léon Gambettas Losung.
Um Großbritannien zumindest indirekt an den
Dreibund anzubinden, die Stellung des Dreibundpartners Österreich-Ungarn auf
dem Balkan gegenüber Rußland zu stärken und das Zarenreich um so interessierter
an einem guten Verhältnis mit Deutschland zu machen, förderte Bismarck ein
Mittelmeerabkommen zwischen England und Italien, dem sich die Donaumonarchie
1887 anschloß. Die Briten wichen in diesem Falle von ihrem Grundsatz der
„Splendid Isolation“, sprich der Bündnislosigkeit, ab, da sie wie die
Habsburgermonarchie bestrebt waren, die Russen auf keinen Fall ans Mittelmeer
gelangen zu lassen und den Status quo im östlichen Mittelmeer zu schützen.
Um zu verhindern, daß Rußland in dieser
Situation Anschluß an Frankreich suchte - immer unverblümter eiferten die
Panslawisten für ein Zusammengehen mit Paris - unterzeichnete Bismarck am 18.
Juni 1887 mit dem russischen Botschafter Pawel Andrejewitsch Graf Schuwalow den
geheimen „Rückversicherungsvertrag“. Das Deutsche und das Zarenreich sicherten
sich in diesem Vertrag wohlwollende Neutralität zu, wenn Deutschland von
Frankreich oder Rußland von Österreich-Ungarn angegriffen werden sollte. Würde
Rußland selbst Österreich-Ungarn angreifen, so fand es nach dem Zweibundvertrag
Deutschland auf der Gegenseite. In einem Zusatzprotokoll sagte das Deutsche dem
Zarenreich zu, es in dessen Meerengen-Politik zu unterstützen.
Die Strategie, die Bismarck mit dieser dem
einen oder anderen möglicherweise unlogisch und widersinnig erscheinenden
Taktik verfolgte, hat er 1877 in dem sogenannten Kissinger Diktat niedergelegt,
das manches klarer erscheinen läßt:
„Ein französisches Blatt sagte neulich von mir, ich hätte ,le cauchemar des coalitions'; diese Art Alp wird für einen deutschen Minister noch lange, und vielleicht immer, ein sehr berechtigter bleiben. Koalitionen gegen uns können auf westmächtlicher Basis mit Zutritt Österreichs sich bilden, gefährlicher vielleicht noch auf russisch-österreichisch-französischer; eine große Intimität zwischen zweien der drei letztgenannten Mächte würde der dritten unter ihnen jederzeit das Mittel zu einem sehr empfindlichen Drucke auf uns bieten. In der Sorge vor diesen Eventualitäten, nicht sofort, aber im Lauf der Jahre, würde ich als wünschenswerte Ergebnisse der orientalischen Krisis für uns ansehen: 1. Gravitierung der russischen und der österreichischen Interessen und gegenseitigen Rivalitäten nach Osten hin, 2. der Anlaß für Rußland, eine starke Defensivstellung im Orient und an seinen Küsten zu nehmen, und unseres Bündnisses zu bedürfen, 3. für England und Rußland ein befriedigender status quo, der ihnen dasselbe Interesse an Erhaltung des Bestehenden gibt, welches wir haben, 4. Loslösung Englands von dem uns feindlich bleibenden Frankreich wegen Ägyptens und des Mittelmeers, 5. Beziehungen zwischen Rußland und Österreich, welche es beiden schwierig machen, die antideutsche Konspiration gegen uns gemeinsam herzustellen, zu welcher zentralistische oder klerikale Elemente in Österreich etwa geneigt sein möchten. Wenn ich arbeitsfähig wäre, könnte ich das Bild vervollständigen und feiner ausarbeiten, welches mir vorschwebt: nicht das irgendeines Ländererwerbes, sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreichs uns bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden."
Otto von Bismarcks Außenpolitik verfolgte vor allem deutsche Interessen; die Sicherheit des Reiches stand an oberster Stelle. Keinesfalls war der Reichskanzler bereit, sich auf Gedeih und Verderb nur mit einer oder ausschließlich bestimmten Mächten zu verbünden. Der später oft erhobene Vorwurf der unrettbaren "Nibelungentreue" gegen Österreich trifft ihn jedenfalls nicht.
Bismarck sah Deutschland als "Reich in der Mitte Europas". Eine einseitige Westbindung kam für ihn ebensowenig in Frage, wie ein Ausschluß östlicher Koalitionen. Der Gedanke des Gleichgewichtes, des fairen Ausgleichs der gegenseitigen Interessen der Staaten und Völker, war fester Bestandtteil der politischen Ethik Bismarcks. Insofern dachte er nicht nur national, sondern auch europäisch.