Der Bismarckbund: Konservativ, kritisch, konstruktiv

Bismarck und das Christentum

von Bruno-Hermann Vahl, Pastor i.R., Hamburg

Motto: „Wie man ohne Glauben an eine
geoffenbarte Religion, an Gott, der
das Gute will, an einen höheren Richter
und ein zukünftiges Leben zusammen leben
kann in geordneter Weise – das Seine tun
und jedem das Seine lassen,
begreife ich nicht.“

(Bismarck 1870, mitten im deutsch-französischen Krieg)

Als der Genius von Friedrichsruh seinen Glauben vor Mitarbeitern in dieser Weise formulierte, lag eine lange Zeit des Suchens und Reifens in Glaubensdingen hinter ihm. Im elterlichen Hause spielte der christliche Glaube eine eher untergeordnete Rolle; die frühe Trennung von Eltern und Geschwistern durch den Besuch einer Berliner Lehranstalt mit dürf­tigem Religionsunterricht, der wohl mehr Deismus als das christliche Ver­ständnis von Gott und Mensch vermittelte – das alles trug dazu bei, den jungen Otto von Bismarck vom Glauben an Jesus Christus fernzuhalten. Selbst der Konfirmandenunterricht bei einem der berühmtesten Berliner Pastoren, Friedrich Schleiermacher, hat dem Konfirmanden nach eige­nem Bekunden wenig Eindruck gemacht. Das mag auch daran gelegen haben, daß Schleiermachers Versuch, Glauben und Theologie/Theologie und idealistische Philosophie zu vereinen, den jungen Bismarck wenig beeindruckte. Hierher gehört auch die konfessionelle Frage, die der König Fried­rich Wilhelm III. durch die preußische Union von 1817 – zwei Jahre nach der Geburt Bismarcks – zu lösen hoffte: Unter einem „Dach“ sollten lutherische und calvinische Christen vereinigt sein, um ein gemeinsames christliches Zeugnis zu ermöglichen. Vor allem in der Zulassung des Heiligen Abendmahls sollte trotz der verschiedenen Positionen Einigkeit erzielt werden. (Dies auf dem Hintergrund der Tatsache, daß der preußi­sche König Friedrich Wilhelm III. mit der 1810 verewigten Königin Luise, die aus dem lutherischen Hause Mecklenburg-Strelitz kam, niemals gemeinsam das heilige Sakrament des Altars empfangen hat.) Da Schleiermacher ein bevorzugter Ratgeber des Königs war, spielte seine Meinung im Unterricht sicher eine Rolle, die aber Bismarck nicht besonders wichtig war. Eher schon sein Konfirmandenspruch, der in großen Lettern über dem Altarraum des Mausoleums in Friedrichsruh geschrieben steht:

„Alles, was ihr tut, in Worten oder in Werken, das tut in dem Namen des Herrn Jesu, und danket Gott dem Vater durch Ihn.“  (Kol. 3, 17)

Schul- und Konfirmandenzeit – letztere endete am Tage seines 16. Geburtstages in der Dreifaltigkeitskirche in Berlin – beschreibt Bismarck in seinen Lebenserinnerungen so:


„Ich verließ (sie) als normales Produkt unseres staatlichen Unter­richts.“ Allerdings: „Meine geschichtlichen Sympathien blieben auf Seiten der Autorität.“


Lothar Gall schreibt dazu in seiner großartigen Bismarck-Biographie: „Autorität aber hieß: die hergebrachte Ordnung, das alte Preußen, der Vorrang der Krone und des Adels, des Landes und der bäuerlichen Ver­hältnisse, kurzum die väterliche Welt."
Die Jahre des Studiums der juristischen Berufsfindung sind wenig er­giebig, was unseren Gegenstand betrifft, doch ist wohl ein Satz aus der Feder Bismarcks bedeutsam, der seine Sicht von einer in allgemeiner Gläubigkeit begründeten Autorität verdeutlichen kann: Was Hingabe an vaterländischer Pflichterfüllung anbetrifft, so sei sie in seinen Augen ein Rest an Glauben in säkularisierter Form, „unklar und doch wirksam, nicht mehr Glaube und doch Glaube.“
Vorläufig wurde aus der juristischen Laufbahn nichts; persönliche und in der Sache begründete Fügungen führten den inzwischen Neunund­zwanzigjährigen nach Kniephof in Hinterpommern, wo er das ererbte Gut verwaltete. Ein Brief zu Händen eines Studienfreundes zeigt uns das all­tägliche Einerlei des jungen Adligen: „Seitdem, sitze ich hier, unverheiratet, sehr einsam, 29 Jahre alt, kör­perlich wieder gesundet, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und sehe ohne Ärger ab, wie sie mich betrügen ...“
In dieser Situation persönlichen Ergehens fällt ein Geschehen, das das ganze Leben des jungen Bismarck schlagartig veränderte. Dieses Geschehen bezieht sich auf eine glaubensmäßig bedeutsame Hinwendung zur alten evangelisch-lutherischen Lehre, die zur Tat drängte. Ausgelöst durch Aufklärung und Rationalismus in Kirche und Theologie, suchte und fand diese Bewegung in Hinterpommern Eingang in Kreise des ländlichen Adels: Die Familien v. Thadden auf Trieglaff, v. Below, v. Puttkamer, v. Pochhammer, v. Blanckenburg u.a. mögen als Zeugen eines lebendigen lutherisch erneuerten Glaubenslebens dienen. (Der Organisator der Evangelischen Kirchentage nach dem Zweiten Weltkrieg, Dr. Reinhold v. Thadden-Trieglaff, entstammt o.g. Familie).
Kennzeichnend für diese geistliche Erweckung war ein Zweifaches: Leben aus dem Evangelium Jesu Christi in allen Bereichen wie Ehe, Erziehung der Kinder, Heiligung des Alltags durch tägliche Bibellesung und Gemeinschaft mit Gleichgesinnten sowie ein starker missionarischer Impuls, anderen mitzuteilen, wovon die eigene Familie lebte.
Durch Vermittlung eines Schulfreundes aus Berliner Tagen, Moritz v. Blanckenburg, der in der Nähe von Kniephof das väterliche Gut ver­waltete und seit 1844 mit Marie v. Thadden-Trieglaff verheiratet war, kam der anfänglich skeptische Otto v. Bismarck mit der kirchlichen Erneue­rungsbewegung in Berührung. Das Schicksalhafte dieser Verbindung ergibt sich für jeden objektiven Betrachter, wenn man bedenkt, daß die junge Ehefrau des Freundes Bismarck mit ihrer Freundin Johanna v. Puttkamer bekannt machte.
Aus diesem nur Bekanntsein erwuchs dann eine lebenslange eheliche Verbindung, die durch gegenseitigen Respekt gekennzeichnet war und in christlicher Art alle Höhen und Tiefen durchhielt. Noch auf dem Sterbe­bett betete Seine Durchlaucht dafür, mit „seiner Johanna“ in der Ewigkeit vereint zu sein. Welch eine Wendung im Leben eines Mannes, der aus den Untiefen allgemeiner Gläubigkeit zum Herrn über Leben und Tod gefun­den hat. Im eigens für die Eheleute gebauten Mausoleum in Friedrichsruh warten sie nun seit mehr als 100 Jahren auf den Tag, dem kein Abend mehr folgt. Ein Wort noch zu den Grundsätzen Bismarck’scher Politik, als er zu­nächst preußischer Ministerpräsident und – nach 1871 – deutscher Kanz­ler war. Vor allem anderen ist es die Sozialgesetzgebung, die für Millionen in unserem Land weitestgehend einen Lebensabend ermöglichte, der zwar verbesserungsfähig war, aber die Fundamente für ein tragfähiges Kran­ken- und Rentenversicherungswerk legte. Kein Land in Europa, ganz zu schweigen von außereuropäischen Ländern und Völkern, ging uns in der Gestaltung einer solchen sozialen Großtat voran!
Meines Erachtens floß auch dies aus Bismarcks Sicht der Monarchie „von Gottes Gnaden“, denn damit war das ganze Staatsgefüge mit allen seinen Ständen gemeint, ihr Verhältnis zueinander und zugleich ihre Funktion, ihre Aufgabe. Diese Aufgabe ist – nach Bismarck – zuerst und zuletzt die „Realisierung der christlichen Lehre“ – der eigentliche „Zweck des Staates“ (!).
Welch ein Unterschied zu der Wirklichkeit unserer Tage, wo sogar hohe Vertreter des Staates bei Übernahme ihres hohen Amtes meinen, in der Lenkung der Geschicke eines ganzen Volkes auf die Hilfe Gottes verzichten zu können.
Was Fürst Otto wußte, nachdem er auf seine hinterpommerschen Standesgenossen gehört hatte, war ein Ergebnis seines Glaubens: Parteien entscheiden immer nur irdische Wirklichkeiten, Mitte rechts, Mitte links – christlicher Glaube führt uns darüber hinaus und lehrt uns, so mit den Gütern dieser Erde umzugehen, das wir die ewigen nicht versäumen.

„Heben wir Deutschland in den Sattel. Reiten wird es schon können.” (Otto v. Bismarck)