Der Bismarckbund: Konservativ, kritisch, konstruktiv

Bismarck und die Konservativen


Bismarck vereinte in seinem politischen Handeln im Laufe der Zeit die besten Traditionen des Konservatismus. Während er als Jugendlicher eher liberal gesinnt war, trat er mit etwa 25 Jahren - unter dem Einfluß altkonservativer Politiker um Ernst-Ludwig v. Gerlach - der konservativen Partei näher, die 48er Revolution führte ihn dann vollends in deren Reihen. Als konservativer Landtagsabgeordneter (und später als Diplomat in Frankfurt, St. Petersburg und Paris) verfocht er entschieden die altkonservative Lehre.
Allerdings emanzipierte er sich bereits Ende der 1850er Jahre von seinem Mentor Ernst Ludwig v. Gerlach und noch stärker nach seiner Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten am 24. September 1862. Von dem staatskonservativen Grafen Adolf-Heinrich v. Arnim-Boitzenburg lernte er die Vorzüge der verantwortungsbewußten staatlichen Lenkung kennen. Im Bündnis mit ihm gelang es ihm, die Autorität der Regierung gegenüber der kleinlichen Interessenpolitik der Linken zu stärken. Anschließend widmete er sich der „Deutschen Frage”, die seit 1815 einer Lösung harrte.
Als Bismarck dann 1862 Ministerpräsident wurde, lehnte er zwar eine Zusammenarbeit mit den Nationalkonservativen ab, griff jedoch die Nationale Frage in ihrer staatskonservativen, gemäßigteren Variante auf. Daraus resultierte letzten Endes die Gründung des Deutschen Reiches, die in der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 gipfelte. Durch ganz Deutschland lief damals eine Welle der nationalen Begeisterung, und der liberale Historiker Hermann Baumgarten, der zu den Kritikern Bismarcks gehört hatte, mußte sich symbolisch vor dem Genie des Fürsten verneigen: „Nachdem wir erlebt haben, daß in einem monarchischen Staat der Adel einen unentbehrlichen Bestandteil ausmacht, und nachdem wir gesehen haben, daß diese viel geschmähten Junker für das Vaterland zu kämpfen und zu sterben wissen trotz dem besten Liberalen, werden wir unsere bürgerliche Einbildung ein wenig einschränken und uns bescheiden, neben dem Adel eine ehrenvolle Stellung zu behaupten.” (1)
Auch bei den Konservativen erhielt der Patriotismus in der Folgezeit einen größeren Stellenwert. Die stärkere Ausrichtung auf den neu geschaffenen deutschen Nationalstaat führte mit der Zeit zu einer Transformation des Konservatismus: "Das deutschnationale Preußen, das Bismarck hinterließ, war das alte Preußen nicht mehr." (2)
Allerdings lag dies auch daran, daß die Industrialisierung einen Umbau des Staates erzwang: Der Übergang von der Agrargesellschaft, die seit der Jungsteinzeit in Mitteleuropa fast unverändert bestanden hatte, also seit über 5.000 Jahren, hin zur Industriegesellschaft war unmöglich zu ignorieren oder abzubremsen. Vielmehr erzwang die Konkurrenz der europäischen Großmächte eine Modernisierung der Streitkräfte, womit eine Modernisierung der Gesellschaft zwangsläufig verbunden war. Dazu kam ab 1873 eine Wirtschaftskrise, die zu massiven sozialen Problemen führte. Auf diese Krise fand zunächst niemand eine Antwort, die im deutschen Reichstag mehrheitsfähig gewesen wäre. Insbesondere Konservative, liberale und christliche Politiker waren zunächst nicht zum Kompromiß bereit - und auch nicht zur mutigen und kraftvollen Reform.
Eine Antwort auf Industrialisierung und Modernisierung lag in der sozialkonservativen Lehre, für welche der sozialkonservative Hermann Wagener und der sozialliberale Ferdinand Lassalle Bismarck sensibilisierten. Zwar gelang es nicht, die Meinungsführerschaft im konservativen Lager zu erlangen, doch griff Bismarck einige ihrer zentralen Ideen auf, als er seine Sozialgesetzgebung durchführte. Auch hier war der Fürst seiner Zeitweit voraus. Umso höher ist Bismarcks Sozialgesetzgebung einzuschätzen, die in den über 100 Jahren ihres Bestehens im Kern nicht wesentlich geändert worden ist.
Man kann auch insgesamt sagen, daß Bismarcks Variante eines nationalstaatlichen und zugleich sozialen Konservatismus unübertroffen geblieben ist.

(1) Hermann Baumgarten: Der deutsche Liberalismus, eine Selbstkritik, hrsg. von A. Birke. Frankfurt - Berlin - Wien 1974, S. 140ff.
(2) Vgl. Hafner, Preußens kurze Geschichte, S. 51.

„Heben wir Deutschland in den Sattel. Reiten wird es schon können.” (Otto v. Bismarck)