Mein Urgroßvater war kein Nationalist, obwohl
er später von vielen Stammtischrunden, aber auch von manchen
Historikern dahin interpretiert wurde. Im Dritten Reich wurde die
Kausalkette von Friedrich dem Großen über Bismarck zu Hitler
strapaziert, der eine jeweils als Erfüllungsgehilfe seines
Vorgängers.
Auch in dem Manifest „Weil das Land sich ändern
muß” (verfaßt unter anderem von Marion Gräfin
Dönhoff, Edzard Reuter, Wilhelm Nölling und Wolfgang Thierse)
werden Kaiser Wilhelm II., Bismarck und Hitler in einem Atemzug
genannt. Deren Fehler und Verbrechen solle man nicht wiederholen. Golo
Mann, Rudolf Augstein und Johannes Willms -sie alle sehen im ersten
deutschen Reichskanzler einen machtbesessenen, raffgierigen
Machiavellisten, der kriegslüstern alle moralischen Hemmungen
über Bord warf.
Ähnlich die Darstellung in einer vierteiligen Fernsehserie: Ein
schamloser, neurotischer Wüterich stellt die Weichen für
Deutschlands Katastrophe. Und auch die Bismarck-Ausstellung in Berlin
konnte sich von diesem geschichtlichen Zeitgeist nicht befreien: In
ihrem Mittelpunkt hing nicht das großartige Gemälde der
Reichsproklamation von Anton von Werner, sondern das Schreckensbild
eines vergifteten Soldaten mit Gasmaske im Ersten Weltkrieg (!). Selbst
jetzt, zu seinem 100. Todestag, wurde im „Spiegel” ein Foto
des toten Reichskanzlers auf seinem Sterbelager gezeigt, das in seiner
Würdelosigkeit an das Bild Barschels in der Badewanne erinnert.
Ich fühle mich berechtigt und verpflichtet, für meinen Urgroßvater eine Lanze zu brechen.
Bismarcks Geburt fiel in das Jahr der Schlacht von Waterloo (1815), das
die Epoche Napoleons beendete, in der Frankreich über 20 Jahre in
deutschen Landen gekämpft und Preußen erniedrigt hatte.
Durch das gemeinsame Niederringen Napoleons in der Völkerschlacht
bei Leipzig sowie vor Waterloo entstand erstmalig ein gemeinsames
deutsches Bewußtsein.
Als Bismarck im Jahre 1862 zum Ministerpräsidenten Preußens
berufen wurde, sah er zunächst die Stärkung Preußens
als sein wichtigstes Anliegen. Sie war jedoch nur Mittel zum Zweck, um
das Ziel der deutschen Einheit zu verwirklichen. In drei begrenzt
geführten Kriegen gelang es ihm, innerhalb eines Jahrzehnts die
deutschen Fürsten und Städte zunächst im Norddeutschen
Bund und am 18. Januar 1871 im Deutschen Reich zu vereinigen. Er sah im
Krieg gegen Österreich die einzige Möglichkeit, die von ihm
anvisierte „kleindeutsche” Lösung durchzusetzen, ohne
Österreich. Durch sein diplomatisches Geschick verstand er es, die
umliegenden Großmächte aus dem Konflikt herauszuhalten und
Österreich durch Verzicht auf territoriale Ansprüche und
triumphalen Einmarsch in Wien später als zuverlässigen
Bundesgenossen zu gewinnen.
Auch den durch Napoleon III. geführten Krieg gegen Preußen
konnte er erfolgreich zu Ende bringen, ohne daß andere
Großmächte eingriffen.
Die mittelalterliche Reichsidee hat Bismarck wieder aufgegriffen, indem
er nach dem Sieg den preußischen König zum erblichen
deutschen Kaiser ausrufen ließ. Dem demokratischen Gedanken kam
er entgegen, indem er zum ersten Mal in der deutschen Geschichte ein
aus freien, gleichen und geheimen Wahlen hervorgegangenes Parlament,
den Reichstag, ins Leben rief. Träger der Reichsexekutive war
jedoch der Bundesrat, in dem die souveränen deutschen Fürsten
sowie die freien Städte vertreten waren und dessen Vorsitz
Preußen zustand.
Die Reichsidee fand Ausdruck in der Proklamation König Wilhelms I.
am 18. Januar 1871 in Versailles. Auszug: „Wir übernehmen
die kaiserliche Würde in dem Bewußtsein der Pflicht, in
deutscher Treue die Rechte des Reichs und seiner Glieder zu
schützen, den Frieden zu wahren und die Unabhängigkeit
Deutschlands, gestützt auf die geeinte Kraft des Volkes, zu
verteidigen. Wir nehmen sie an in der Hoffnung, daß dem Deutschen
Volke vergönnt sein wird, den Lohn seiner heißen
opfermütigen Kämpfe in dauerndem Frieden und innerhalb der
Grenzen zu genießen, welche dem Vaterland die seit Jahrhunderten
entbehrte Sicherung gegen erneute Angriffe gewähren. Uns aber und
unseren Nachfolgern an der Kaiserkrone wolle Gott verleihen, allzeit
Mehrer des Deutschen Reichs zu sein, nicht an kriegerischen
Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem
Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.”
In diesen Sätzen manifestiert sich das Bismarck-Reich. Hier wird
das Bekenntnis zum Frieden - dieses Wort fällt gleich dreimal -
zur Freiheit und zur Gesittung abgegeben. Damit kündigt sich die
zweite Epoche Bismarcks politischer Aktivitäten an, nämlich
seine Friedenspolitik.
Bis zu seiner Entlassung (1890) hat er alles in seiner Macht Stehende
getan, um den Frieden zu bewahren, wobei er immer wieder betonte,
daß Deutschland für ihn als saturiert gelte, daß er
also keine weiteren Gebietsansprüche hatte. Das galt im Osten wie
im Westen.
Das Vertrauen zu Bismarck war langsam, aber ständig gewachsen,
besonders nachdem er auf dem Berliner Kongreß (1878) sowie bei
der Berliner Kongo-Konferenz (1884) erfolgreich zwischen den
Großmächten schlichten konnte und eine Bündnispolitik
entwickelte, die auf einer neuen „balance of power”
beruhte, die jeden Konflikt zwischen den fünf
Großmächten ausschließen sollte.
So berichtete zum Beispiel der englische Botschafter in Berlin 1880
nach London: &„In St. Petersburg ist sein Wort Evangelium wie
auch in Paris und Rom, wo seine Aussprüche Respekt
einflößen und sein Schweigen Besorgnis.”
Und der französische Botschafter in London erklärte:
„Meine feste Überzeugung ist, daß, solange Bismarck am
Ruder bleibt, wir uns unbedingt auf die Loyalität Deutschlands
verlassen können. Wenn der Kanzler aber einst sein Amt niederlegt,
so werden stürmische Zeiten für Europa kommen.”
Aus innenpolitischen Gründen mußte Bismarck zwar für
das deutsche Reich Kolonien erwerben. Seine Grundeinstellung zur
Kolonialpolitik manifestierte sich jedoch in einer Äußerung,
die er gegenüber dem Afrika-Forscher Eugen Wolf machte, als dieser
ihm eine Karte von Afrika vorlegte: „Ihre Karte von Afrika ist ja
sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier
liegt Rußland und hier liegt Frankreich, und wir sind in der
Mitte; das ist meine Karte von Afrika!” Mit diesem genial
einfachen Bild umriß er zugleich seine ablehnende Stellung zu der
neu einsetzenden Ausdehnungspolitik des Imperialismus, die nach seinem
Abgang in Deutschland als Weltpolitik proklamiert und später von
Wilhelm II. gegen Bismarcks kategorischen Willen weiterbetrieben wurde.
Bismarck war, wie er von sich selbst behauptet, Realpolitiker.
„Politik ist die Kunst des Möglichen” ist eine seiner
bekanntesten Formulierungen. Sicherlich war er auch Machtpolitiker,
aber man tut ihm unrecht, ihn als einen Machiavellisten zu bezeichnen,
dafür war seine christliche Komponente und seine Demut vor Gott
und der Natur zu stark ausgeprägt.
Wenn der Historiker Paul Kennedy sein Buch „Aufstieg und Fall der
großen Mächte” mit dem Bismarck-Zitat beendet,
„wonach alle Mächte dahinfahren im Strom der Zeit, den sie
weder schaffen noch lenken können, auf dem sie aber mit mehr oder
weniger Erfahrung und Geschick steuern können”, so
beleuchtet dieses Zitat seine Einstellung, wie wenig der Mensch
letztendlich Einfluß nehmen kann auf den Ablauf der Geschichte.
Eine große Bescheidenheit spricht aus dieser Formulierung.
Vor allem aber war Bismarck kein Rassist: Eine Verfolgung der Juden
wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Im Gegenteil: Viele seiner
politischen Freunde wie etwa sein Privat- und Staatsbankier
Bleichröder waren seine Berater und ihm eng verbunden.
Anläßlich eines Gesprächs, das er im Jahre 1870 einmal
führte, erörterte er die Frage, ob nicht das Wesen des
Junkers sich durch jüdisches Blut auflockern ließe:
„Eine solche Verbindung ergäbe keine üble Rasse. Ich
weiß nicht, was ich meinen Söhnen einmal raten werde.”
(Werner Richter: Bismarck, S. 303).
Hätte Wilhelm II. sich an die Kriterien Bismarckscher Politik
gehalten, das heißt das Gleichgewicht der Kräfte
fortgeführt, das englische Bündnisangebot von 1901 nicht
ausgeschlagen, keine anti-britische Flottenpolitik betrieben und sich
nicht hineinziehen lassen in die Balkanaffäre
Österreich-Ungarns, wäre er bescheiden geblieben wie sein
Großvater ohne protziges imperialistisches Gehabe, so hätte
er möglicherweise Reich und Thron erhalten können. Denn kein
Element Bismarckscher Politik mußte unmittelbar und kausal zum
Ersten Weltkrieg führen.
Deshalb irrt die heutige Geschichtsschreibung, wenn sie im
Reichskanzler Bismarck den Wegbereiter des Reichskanzlers Hitler sieht.
Bismarck sah sein Reich als saturiert an, während Hitler die These
vom „Volk ohne Raum” vertrat. Deshalb mußte er
zwangsläufig Eroberungskriege führen, um diesen Raum zu
schaffen. Hitler hatte auch keinen moralischen oder christlichen Halt,
an dem er sich orientieren konnte. Deshalb waren Verrat und
Völkermord die Konsequenzen seiner politischen Einstellung.
Gustav Stresemann hat gesagt: „Es wäre gut, einmal ein Buch
über den mißverstandenen Bismarck zu schreiben, in dem
dargestellt wird, wie er in der Fülle der Macht der Vorsichtigste
im Gebrauch der Macht gewesen ist, wie er sich 1866 und 1870 denen
gegenüber durchgesetzt hat, die nicht genug bekommen konnten. Er
wollte Europa den Frieden erhalten. Das wäre ein besseres Bild von
ihm als das, das die Legende von ihm macht, wenn sie ihn als den Mann
mit Kürassierstiefeln darstellt.”
Es wäre auch ein korrekteres Bild für jene, die heute noch
Bismarck die Schuld daran zuschieben möchten, daß 1933 die
zwölfjährige Tragödie begann.