Wilhelm I., Deutscher Kaiser und König von Preußen (1797-1888)

Wilhelm
Friedrich Ludwig von Preußen wurde am 22. März 1797 als zweiter Sohn Friedrich
Wilhelms III. von Preußen und seiner Gemahlin, Luise von Mecklenburg-Strelitz,
in Berlin geboren.
Seine Erziehung übernahmen Johann Friedrich Gottlieb von Delbrück und Hauptmann Ludwig von Reiche. Wilhelm zeigte
früh einen klaren, praktischen Verstand, große Ordnungsliebe und einen ernsten,
zuverlässigen Charakter, während er an geistiger Regsamkeit seinem älteren
Bruder Friedrich Wilhelm nachstand.
1814 Hauptmann
geworden, begleitete er seinen Vater auf dem Feldzug nach Frankreich gegen
Napoleon I., erwarb sich das Eiserne Kreuz und zog am 31. März mit den
siegreichen Truppen in Paris ein.
Seit dem 1. Januar 1816 führte er
das Stettiner Gardelandwehrbataillon, erhielt 1818 als Generalmajor eine
Gardeinfanteriebrigade, am 1. Mai 1820 die 1. Gardedivision und 1825 als Generalleutnant
das Gardekorps. In der langen Friedenszeit half er den militärischen Geist in
der Truppe zu erhalten. Wiederholt wurde Wilhelm zu Staatsangelegenheiten an
den Petersburger Hof entsandt.
Prinz Wilhelms
große Jugendliebe war Prinzessin Elisa Radziwill. Aufgrund des
Standesunterschiedes konnte die Ehe nicht geschlossen werden, was Wilhelm sein
Leben lang schmerzte. Prinzessin Elisa starb 1834 im Alter von 31 Jahren an
Tuberkulose. Auch der spätere Kaiser und König vergaß sie nie, stets hatte er eine
Porträtminiatur von ihr auf seinem Schreibtisch stehen.
Am 11. Juni 1829 heiratete Wilhelm auf Betreiben seines Vaters Prinzessin Marie Luise Augusta Catharine von Sachsen-Weimar-Eisenach. Sie gebar ihm am 18. Oktober 1831 den Prinzen Friedrich Wilhelm und am 3. Dezember 1838 die Prinzessin Luise. Die Ehe wurde nicht sonderlich glücklich; die intelligente, musisch begabte und am Weimarer Hof liberal erzogene Augusta fühlte sich am konservativen preußischen Hof nicht sonderlich wohl. Dennoch war sie ihrem Gatten eine treusorgende Frau und ihren Kindern eine liebevolle Mutter.
Nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1840 bestieg Wilhelms älterer Bruder als Friedrich Wilhelm IV. den preußischen Thron. Wilhelm erhielt den Titel „Prinz von Preußen“. Er konnte jedoch nur unwesentlichen Einfluß auf die Politik seines Bruders gewinnen und setzte ganz auf seine militärische Laufbahn.
1848, während der Märzrevolution, trat er für die militärische Niederwerfung der Revolution ein. Irrtümlich für den Artillerieeinsatz gegen Berliner Barrikaden am 18. März 1848 verantwortlich gemacht, erhielt er von seinen Gegnern die Bezeichnung „Kartätschenprinz“. Da er persönlich gefährdet war, flüchtete er am Morgen des 19. März 1848 in fremden Kleidern aus Berlin nach Spandau. Sein Palais wurde gestürmt, geplündert und wäre sicherlich geschleift worden, wenn nicht Ludwig Eichler die aufgebrachte Menge beruhigt hätte. Seinen 49. Geburtstag feierte er am 22. März 1848 in Verborgenheit auf der Pfaueninsel im engsten Familien- und Freundeskreis. Am Abend reiste er unerkannt über Hamburg nach London. Dort nahm er regen Anteil an den weiteren Entwicklungen in Deutschland. Am 10. Mai 1848 forderten ihn sämtliche preußischen Staatsminister zur Rückkehr nach Berlin auf. Trotz Protesten aus den Reihen der Liberalen bestimmten die Wähler des Kreises Wirsitz/ Posen den Prinzen zu ihrem Abgeordneten für die preußische Nationalversammlung. Am 4. Juni traf er über Arnheim kommend in Wesel ein; die weitere Bahnreise wurde zu einem regelrechten Triumphzug. Am 6. Juni erreichte er Magdeburg, wo ihn seine Frau mit den Kindern empfing. Anschließend ging es bis nach Potsdam. Am 8. Juni fuhr er nach Berlin, um in der Singakademie seinen Sitz als Abgeordneter der preußischen Nationalversammlung einzunehmen.
1849 leitete er die Niederschlagung des revolutionären Aufstandes in Baden. Auf der Zugfahrt von Mainz nach Kreuznach entging er nur knapp einer Gewehrkugel, die aus einem Getreidefeld abgefeuert worden war. Der Prinz lieferte den Rebellen am 23. Juni 1849 bei Upstadt ein mörderisches Gefecht, in dem er sich rücksichtslos dem gegnerischen Feuer aussetzte. Am 25. nahm er am Gefecht bei Durlach teil; noch am selben Tag zog er mit seinen Truppen in Karlsruhe ein, nachdem die provisorische Regierung geflohen war. Im Juli 1849 war der Aufstand endgültig niedergeschlagen. Am 19. August empfing Wilhelm in Maxau den Großherzog von Baden und geleitete ihn in seine Residenz zurück. Als der Prinz am 13. Oktober nach Berlin zurückkehrte, waren die Berliner nicht wiederzuerkennen und bereiteten ihm einen großartigen Empfang. (Diese Tatsache mag ein Hinweis darauf sein, daß die Berliner in den Märztagen des Jahres 1848 – wie auch Bismarck bezeugt – von einer radikalen Minderheit, angeführt von ausländischen Agitatoren, aufgehetzt worden waren, denen es nicht um Nation und Freiheit, sondern um ihre preußen- und monarchiefeindlichen Ziele ging.)
1849-54 wurde Prinz Wilhelm Generalgouverneur der Provinzen Rheinland und nahm seinen Wohnsitz in Koblenz. Dort wurde er 1854 Generaloberst mit dem Rang eines Feldmarschalls und zugleich Gouverneur der Festung Mainz. Politisch wandte sich unter dem Einfluß seiner Frau zunehmend dem Liberalismus zu und geriet deshalb immer mehr in Konflikt zu der konservativen Regierung seines Bruders.
Am 26.10.1858 übernahm er nach der geistigen Erkrankung seines Bruders die Regentschaft und bildete das Kabinett zugunsten der Liberalen (Ministerium der „Neuen Ära“) um. Am 8. November legte er in einem Erlaß seine Regierungsgrundsätze dar, die zu einer Stärkung Preußens, verbunden mit einer notwendigen Heeresreform führen sollten.
Nach dem Tod seines Bruders bestieg Wilhelm den preußischen Thron. Am 18. Oktober 1861 fand die prachtvolle Krönung in Königsberg statt. Wilhelm setzte sich selbst die Krone aufs Haupt und nahm das Zepter, den Reichsapfel und das Reichsschwert vom Altar, danach krönte er seine Frau zur Königin und sagte: „Von Gottes Gnaden tragen Preußens Könige seit 160 Jahren die Krone. Nachdem durch zeitgemäße Einrichtung der Thron umgeben ist, besteige ich ihn als König. Aber eingedenk, daß die Krone nur von Gott kommt, habe ich durch die Krönung an geheiligter Stätte bekundet, daß ich sie in Demut aus freien Händen empfangen habe.“
Während eines Besuches in Baden-Baden, verübte am 14. Juli 1861 der radikale Student Oskar Becker aus Baden-Baden auf König Wilhelm ein Pistolenattentat, bei dem dieser leicht verletzt wurde. Über das Ereignis schrieb der König an Herzog Ernst: „Gottes Gnade hat mich gerettet vor Meuchelmord. Möge diese ruchlose Tat ein Fingerzeig sein, daß nichts überstürzt werden soll. Der Täter hat schriftlich erklärt vor der Tat, daß, da ich nicht genug für Deutschlands Einheit täte, ich ermordet werden sollte. Das ist klar, aber etwas drastisch.“
Über die
Heeresreform geriet Wilhelm mit der Landtagsmehrheit in Konflikt. Ende
1861 gewannen die fortschrittlichen Kräfte die Wahlen, das Ministerium der
„Neuen Ära“ trat zurück. Da Wilhelm keine Abstriche von seinen Plänen machen
wollte, kam es zum Verfassungskonflikt. Als sich die Problematik immer weiter
zuspitzte, dachte Wilhelm I. daran, zugunsten seines Sohnes Friedrich
Wilhelm abzudanken.
1862 berief Wilhelm den
Wirklichen Geheimen Rat Otto von Bismarck-Schönhausen zum preußischen
Ministerpräsidenten und ließ sich im Wesentlichen von ihm führen. Bismarck
verfolgte mit kühnem Plan die „kleindeutsche“ Einigung des Reiches. Da aber die
öffentliche Meinung in zwei Lager gespalten war und die „Großdeutschen“ –
darunter die altpreußischen Konservativen um Ludwig von Gerlach – keinesfalls
die „kleindeutsche“ Lösung akzeptieren wollten, wurden der König und Bismarck
nach dem Fürstenkongreß von 1863 und dem Konflikt um Schleswig-Holstein 1864
heftig kritisiert.
Im Deutschen
Krieg vom 1866 kam es zur offenen Auseinandersetzung Preußens mit
einigen wenigen Verbündeten gegen den Deutschen Bund unter Führung Österreichs. Am
11.Juni 1866 forderte Österreich im
Bundestag zu Frankfurt a.M. „zum Schutze der inneren Sicherheit Deutschlands
und der bedrohten Rechte seiner Bundesglieder“ die Mobilmachung der sieben
nichtpreußischen Bundeskorps zum Krieg gegen Preußen. Für
Preußen bedeutete dieser Antrag ein Bruch des Bundesrechtes. Der
österreichische Antrag wurde am 14. Juni von der Mehrheit des Bundestages mit 9
gegen 6 Stimmen angenommen. Preußen richtete
daraufhin am 16. Juni eine Note an die norddeutschen Staaten und konnte sie
größtenteils zum Kampf gewinnen. Der Krieg bedeutete das Ende des 1815
gegründeten Deutschen Bundes. In der entscheidenden Schlacht bei Königgrätz besiegte
die Armee Preußens aufgrund überlegener
Führung und Moral die österreichisch-sächsischen Verbände und entschied den
Krieg. Am 23. August 1866 wurde der endgültige Frieden mit Österreich in
Prag abgeschlossen. Die besiegte Donaumonarchie überließ die Vorherrschaft in
Deutschland Preußen. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst und das Habsburgerreich
schied aus dem deutschen Staatsverband aus. Drei Herrscher: der König von
Hannover, der Kurfürst von Hessen-Kassel und der Herzog von Nassau wurden ihrer
Throne entsetzt, ihre Länder dem preußischen Staat einverleibt. Durch den
Vertrag vom 18. August 1866 entstand der Norddeutsche Bund.
Nach dem Sieg im
Deutsch-Französischen Krieg wurde König Wilhelm
I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen.
Sein Beharren auf dem Legitimitätsprinzip, d.h. der Zustimmung aller
Bundesfürsten zur Kaiserkrönung, sowie Bismarcks um Ausgleich und Kooperation
mit den deutschen Fürstenhäusern bemühte Politik beförderten wesentlich die
Integration der deutschen Einzelstaaten in das neu geschaffene Deutsche Reich
und die Festigung der monarchischen Staatsidee.
Am 11. Mai 1878 verübte der
Gelegenheitsarbeiter Emil Hödel in Berlin ein Revolverattentat auf Kaiser
Wilhelm I. Beide Kugeln verfehlten ihr Ziel, der 81-jährige Kaiser blieb
unverletzt. Da der Attentäter sozialdemokratischen Kreisen nahe stand, nahm
Bismarck das
Attentat zum Anlaß, die politische Agitation der Sozialdemokratie zu verbieten.
Hödel wurde später zum Tode verurteilt und hingerichtet. Nur wenige Tage
später, am 2. Juni 1878, verübte Karl Nobiling mit Schüssen aus einer
Schrotflinte ein weiteres Attentat auf den Kaiser, wobei dieser schwer verletzt
wurde. Passanten überwältigten den Täter, welcher anschließend versuchte, sich
selbst zu richten. Nobiling erlag seinen Verletzungen, bevor ihm der Prozeß
gemacht werden konnte. Bismarck brachte nunmehr sein Sozialistengesetz im
Reichstag
durch.
Als Deutscher
Kaiser
ließ Wilhelm dem Reichskanzler Otto von Bismarck freie Hand, die
Politik des Reiches zu gestalten.
Er kümmerte sich um repräsentative Aufgaben, förderte besonders die Integration
der einzelnen deutschen Staaten in das
Reich und festigte so die Monarchie im Inneren.
Sein Enkel Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm II. , bewunderte seinen Großvater und gab ihm zur Hundertjahrfeier den Beinnamen „der Große“. Bismarck dagegen meinte nach dem Tod seines Gönners: „Kein Großer, aber ein Ritter und ein Held.“Am 9. März 1888 starb Wilhelm im Alter von fast 91 Jahren. Bismarck erklärte vor dem Reichstag: